Die Militär-Methode zum Einschlafen
Die Militär-Methode ist eine Entspannungsroutine in zwei Teilen: Du lockerst nacheinander Gesicht, Schultern, Arme, Brust und Beine und hältst dann etwa 10 Sekunden lang ein ruhiges Bild fest. Zurückgeführt wird die Methode auf ein Buch des US-amerikanischen Sprinttrainers Bud Winter von 1981, nicht auf eine Studie, und eine Untersuchung der Routine selbst haben wir nicht gefunden. Für ihre Bestandteile gibt es gewisse Belege; das Versprechen — in 2 Minuten eingeschlafen — ist der Teil, den du weglassen solltest.
Was ist die Militär-Methode?
Ein Einschlaftrick in zwei Teilen, der als Militär-Methode oder als Einschlafmethode der US Navy durchs Netz geht: erst den Körper Region für Region loslassen, dann dem Kopf für ein paar Sekunden etwas Einfaches zum Festhalten geben. Das geht im Bett liegend oder zurückgelehnt im Sessel. Die Fassung, die im Umlauf ist — und es ist die Fassung im Umlauf, aus Gründen, die der nächste Abschnitt erklärt —, geht so:
- Das Gesicht. Lass Stirn, die Muskeln um die Augen, Kiefer und Zunge locker.
- Schultern und Arme. Lass die Schultern so tief sinken, wie sie gehen, dann jeden Arm schwer werden — Oberarm, Unterarm, Hand —, erst auf der einen Seite, dann auf der anderen.
- Die Brust. Atme langsam aus und lass den Brustkorb mit dem Atem sinken.
- Die Beine. Lass die Oberschenkel locker, dann die Waden, dann die Füße.
- Der Kopf, etwa 10 Sekunden lang. Stell dir eine ruhige Szene vor — meist liegst du in einem Kanu auf einem stillen See unter klarem Himmel oder in einer Hängematte aus schwarzem Samt in einem dunklen Raum — oder sag dir immer wieder die Worte „nicht denken“ vor.
Das ist die ganze Methode, und das meiste daran ist vernünftig. Das Problem steckt in der zweiten Möglichkeit des letzten Schritts und in dem Versprechen, das am Ganzen hängt: dass du mit etwas Übung in 2 Minuten eingeschlafen bist.
Woher kommt die Militär-Methode?
Jede Nacherzählung führt sie auf ein Buch übers Gewinnen zurück. Relax and Win: Championship Performance in Whatever You Do erschien 1981, geschrieben vom US-amerikanischen Sprinttrainer Lloyd „Bud“ Winter, und die Bibliothekskataloge ordnen es unter Entspannung, Stress und Sportpsychologie ein. Die Geschichte, die mit der Einschlafroutine mitreist: Winter habe sie im Zweiten Weltkrieg entwickelt, als er Kadetten an der Pre-Flight School der US Navy Entspannung beibrachte, damit Piloten überall und zu jeder Stunde schlafen konnten, sogar im Sitzen.
Ein Teil davon lässt sich prüfen. Entspannungstraining gehörte tatsächlich zur Ausbildung an den Pre-Flight-Schulen der Navy im Krieg: Das Naval History and Heritage Command der US Navy verwahrt eine Sammlung zu diesem Programm, und unter den Aktivitäten, die sie dokumentiert, sind Entspannungstechniken für Marineflieger. Winter wird in der Beschreibung der Sammlung nicht erwähnt, und den Rest konnten wir nicht prüfen. Das Buch steht in Bibliothekskatalogen, aber die Exemplare, an die wir herankamen, gibt es nur zur Ausleihe, und gelesen haben wir es nicht. Die Schritte oben sind deshalb die Fassung, die im Umlauf ist, und dasselbe gilt für alles, was diese Seite sonst über den Inhalt des Buchs sagt.
Das gilt auch für die Zahl. Mit der Methode wandert die Angabe, nach 6 Wochen Übung hätten „96 Prozent“ der Piloten innerhalb von 2 Minuten einschlafen können — in jeder Nacherzählung, die wir fanden, Winters Buch von 1981 zugeschrieben. Was auch immer im Buch steht: Es ist der Bericht eines Trainers über ein Ausbildungsprogramm, keine Studie. Keine Veröffentlichung, die wir finden konnten, sagt, wie viele Piloten teilnahmen, wie ihr Schlaf gemessen wurde oder womit man sie verglich.
Noch wach? Sheeps gibt deinem Kopf eine Geschichte, der du nicht folgen musst, gelesen von einer ruhigen Stimme, bis sie in Stille endet.
Funktioniert die Militär-Methode?
Soweit wir finden konnten, hat sie niemand getestet. Eine veröffentlichte Studie zur Routine selbst haben wir weder in Europe PMC noch sonst im Netz gefunden (Suche im Oktober 2026); die einzige Forschungsarbeit, die wir fanden und die sie überhaupt nennt, beschreibt ein Schlafprogramm, das sie Jugendlichen in der Schule beibringt, und testet sie nicht. Sagen lässt sich, was hinter ihren Bestandteilen steckt, und das ist nicht bei allen gleich viel.
Den Körper entspannen: von der Leitlinie gestützt, mit bescheidener Wirkung
Entspannungsverfahren — strukturierte Übungen gegen Anspannung im Körper und Erregung im Kopf, etwa Bauchatmung, progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Fantasiereisen und Meditation — gehören zu den Behandlungen, die die American Academy of Sleep Medicine bei chronischer Insomnie vorschlägt. Die Leitlinie von 2021 macht daraus eine bedingte Empfehlung, die schwächere ihrer beiden Stufen (Edinger und Kollegen, 2021).
Die Übersichtsarbeit hinter dieser Leitlinie zeigt, was bescheiden heißt. Über 6 Studien zusammengefasst, verkürzte Entspannung die Zeit bis zum Einschlafen laut Schlaftagebuch um etwa 7 Minuten gegenüber den Vergleichsbedingungen — weniger, als die Arbeitsgruppe als klinisch bedeutsam ansah —, und die Qualität der Belege insgesamt stufte sie als sehr niedrig ein. Die Militär-Routine ist eine kurze, selbst gestrickte Verwandte dieser Verfahren, keine der getesteten Fassungen.
Das ruhige Bild: eine gute Studie
Sich etwas Ansprechendes vorzustellen hat von den drei Schritten die stärkste Einzelstudie. 2002 gaben Harvey und Payne 41 Menschen mit Insomnie für eine Nacht eine von drei Anweisungen: den Kopf mit einer interessanten, ansprechenden Szene beschäftigen, sich ablenken, wie man will, oder gar keine. Die Bildgruppe schlief schneller ein und hatte seltener und weniger belastende unerwünschte Gedanken als die Gruppe ohne Anweisung (Harvey und Payne, 2002).
Das war eine Nacht mit 41 Menschen, und die Praxisparameter der American Academy of Sleep Medicine von 2006 fanden zu wenig Belege, um Vorstellungstraining als alleinige Behandlung zu empfehlen (Morgenthaler und Kollegen, 2006). Aber von den drei Schritten ist das der mit einem Experiment dahinter.
„Nicht denken“: der Schritt, der gegen dich arbeitet
Die andere Fassung des letzten Schritts, sich immer wieder „nicht denken“ vorzusagen, verlangt genau das, was ein Kopf am schlechtesten kann. Im klassischen Experiment dazu sollten Menschen 5 Minuten lang nicht an einen weißen Bären denken. Es gelang ihnen nicht, und als sie danach an den Bären denken sollten, dachten sie öfter an ihn als Menschen, die das von Anfang an tun sollten. Wer beim Unterdrücken einen bestimmten anderen Gedanken als Ablenkung bekam, war später weniger mit dem Bären beschäftigt (Wegner und Kollegen, 1987).
Harvey und Payne erklärten ihr eigenes Ergebnis genauso: Die Bildaufgabe der beiden war ein sehr konkreter Auftrag, der dem Kopf etwas zum Suchen gab statt etwas, wovor er auf der Hut sein muss — die Art geistiger Kontrolle, die meist gelingt. Die Methode besteht also aus zwei Techniken mit gewissen Belegen, einer dritten, gegen die die Belege sprechen, und einer Frist. Behalte die ersten beiden.
Warum ist „in 2 Minuten eingeschlafen“ das falsche Ziel?
Weil eine Frist Anstrengung ist, und Anstrengung hält einen vollen Kopf wach. Schlaf läuft weitgehend von selbst und lässt sich aufhalten, indem man auf ihn achtet und ihn herbeiführen will (Espie und Kollegen, 2006).
In einem Experiment von 1996 sollten Menschen, die normalerweise gut schliefen, entweder so schnell wie möglich einschlafen oder dann, wenn sie wollten. Lief ruhige Musik, half das Beeilen. Lief mitreißende Marschmusik — eine hohe geistige Last, wie sie auch ein Kopf voller Morgen mitbringt —, brauchten die, die schnell sein wollten, länger zum Einschlafen als die anderen (Ansfield, Wegner und Bowser, 1996).
Ein 2-Minuten-Ziel bringt ein zweites Problem mit: Es muss überprüft werden. Schlafe ich schon? Waren das zwei Minuten? Jede Prüfung ist ein Stück genau der Anstrengung, die die Routine wegnehmen sollte. Warum der Schlaf umso weiter wegrückt, je fester du auf ihn zielst, steht in Einschlafen wollen ist das, was wach hält. Und selbst nach ihrer eigenen Geschichte beschreibt die berühmte Zahl Menschen, die wochenlang geübt hatten, nicht eine erste Nacht.
Wie probierst du die Militär-Methode aus, ohne dich anzustrengen?
Sieh sie als eine Art, die ersten Minuten im Bett zu verbringen, nicht als Prüfung, die du bestehst, indem du einschläfst.
- Üb, wenn nichts auf dem Spiel steht. Geh die Schritte für den Körper tagsüber ein- oder zweimal im Sitzen durch, damit sie nachts vertraut sind und keine Aufgabe, die du richtig machen musst. Entspannung ist eine Fertigkeit, und selbst die Geschichte der Methode setzt wochenlange Übung voraus.
- Lass dir Zeit, und miss sie nicht. Für einen schnellen Durchlauf gibt es keinen Preis. Wenn du den Faden verlierst, mach einfach dort weiter, wo du gerade bist.
- Nimm das Bild, nicht den Satz. Wähl eine Szene, die ruhig ist und dich ein wenig beschäftigt — das Kanu, die Hängematte oder einen eigenen Ort, an dem nichts passiert —, und füll ihre Einzelheiten langsam aus: das Licht, die Geräusche, die Temperatur der Luft.
- Lass das Bild wandern, wenn es will. Taucht statt des Sees auf einmal ein Hafen auf und danach eine Küche, lass es zu. Lose, unverbundene Bilder sind ohnehin die Form, die das Denken auf dem Weg in den Schlaf annimmt — das ist die Idee hinter dem Cognitive Shuffling: ein kleines, unverbundenes Bild nach dem anderen, mit Absicht.
- Halt die Uhr außer Reichweite. Ein Blick auf die Uhrzeit macht aus der Routine wieder eine Frist.
- Wenn du noch wach bist, ist das in Ordnung. Fang nicht mit mehr Anstrengung von vorn an. Lass den Körper locker und den Kopf bei seinen Bildern. Wenn das Liegen zum Kampf wird, steh eine Weile auf — warum das hilft, steht in Das Bett ist ein Signal.
Wenn du dir überhaupt keine Bilder vorstellen kannst — manchen Menschen geht das so —, funktioniert der Bildschritt so nicht. Was dann bleibt, steht in Warum Sheeps nie sagt, du sollst dir etwas vorstellen.
Für wen ist die Militär-Methode?
Für Menschen, die den Tag im Körper tragen — ein verspannter Kiefer, Schultern bis zu den Ohren — und die gern einer festen Abfolge folgen. Jede Nacht in derselben Reihenfolge durch den Körper zu gehen, gibt dir etwas Bestimmtes zu tun, das nicht der Versuch ist zu schlafen, und das ist schon die halbe Sache.
Zu einem kreisenden Kopf passt sie weniger. Etwa 10 Sekunden mit einem ruhigen Bild sind wenig, um einen vollen Kopf zur Ruhe zu bringen. Wenn eher die Gedanken das Problem sind als die Schultern, bleib länger beim Bild und lass es sich ändern, so oft es will, oder geh gleich zum Cognitive Shuffling über, das denselben Instinkt behält und mehr vom Kopf länger beschäftigt. Mehr dazu in Gedankenkarussell in der Nacht.
Und wenn die Militär-Methode bei dir nicht wirkt?
Dann hat eine Technik nicht zu dir gepasst — ein Urteil über deinen Schlaf ist das nicht. Die Alternativen gehen dasselbe Problem von verschiedenen Seiten an:
- Die 4-7-8-Atmung bleibt beim Körper und tauscht die Muskeln gegen ein langsames Atemzählen — und hat, wie die Militär-Methode, bisher keine Studie dazu, ob man damit schneller einschläft. Eine ausführliche Seite dazu gibt es nur auf Englisch: 4-7-8 breathing for sleep.
- Die paradoxe Intention nimmt die Frist ganz weg: Du liegst im Dunkeln und versuchst sanft, wach zu bleiben, und nimmst der Nacht damit die Anstrengung. Auch dazu gibt es bisher nur eine Seite auf Englisch: Paradoxical intention.
- Cognitive Shuffling macht aus dem Bildschritt die ganze Technik.
- Der Ratgeber Schnell einschlafen: was wirklich hilft ordnet all diese Techniken und die übrigen nach den Belegen.
Wenn das Einschlafen seit Wochen schwerfällt und dir tagsüber zu schaffen macht, geh zur Ärztin oder zum Arzt, statt die nächste Technik zu probieren. Die deutsche Leitlinie zur Insomnie empfiehlt allen Betroffenen als erste Behandlung die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie, kurz KVT-I (Spiegelhalder und Kollegen, 2025). Das American College of Physicians empfiehlt sie ebenfalls als erste Behandlung (Qaseem und Kollegen, 2016), und keine andere verhaltens- oder psychotherapeutische Behandlung empfiehlt die American Academy of Sleep Medicine so stark (Edinger und Kollegen, 2021).
Quellen
- Winter (1981) — Relax & Win: Championship Performance in Whatever You Do. A.S. Barnes (San Diego) and Tantivy Press (London). Library record
- Naval History and Heritage Command — Kit Hess Collection (2017.48): the Navy’s Second World War pre-flight training, including relaxation techniques for naval aviators
- Edinger et al. (2021) — Behavioral and psychological treatments for chronic insomnia disorder in adults: an American Academy of Sleep Medicine clinical practice guideline. Journal of Clinical Sleep Medicine 17(2), 255–262
- Edinger et al. (2021) — Behavioral and psychological treatments for chronic insomnia disorder in adults: an American Academy of Sleep Medicine systematic review, meta-analysis, and GRADE assessment. Journal of Clinical Sleep Medicine 17(2), 263–298
- Morgenthaler et al. (2006) — Practice parameters for the psychological and behavioral treatment of insomnia: an update. An American Academy of Sleep Medicine report. Sleep 29(11), 1415–1419
- Harvey & Payne (2002) — The management of unwanted pre-sleep thoughts in insomnia: distraction with imagery versus general distraction. Behaviour Research and Therapy 40(3), 267–277
- Wegner, Schneider, Carter & White (1987) — Paradoxical effects of thought suppression. Journal of Personality and Social Psychology 53(1), 5–13
- Ansfield, Wegner & Bowser (1996) — Ironic effects of sleep urgency. Behaviour Research and Therapy 34(7), 523–531
- Espie et al. (2006) — The attention–intention–effort pathway in the development of psychophysiologic insomnia: a theoretical review. Sleep Medicine Reviews
- Spiegelhalder et al. (2025) — Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ – Update 2025 (AWMF-Registernummer 063-003), Version 2.0. Somnologie 29(4), 240–277
- Qaseem et al. (2016) — Management of chronic insomnia disorder in adults: a clinical practice guideline from the American College of Physicians. Annals of Internal Medicine